#1

Marie hatte gerade vor ein paar Minuten eine SMS von DEM Mann aus dem Park bekommen. Es war nicht irgendein Mann, den sie auf einer Party kennengelernt hatte, es war kein Flirt, es war kein Freund eines Freundes. Es war der Mann aus dem Park. Der Zettelschreiber. Sie las sich seine Nachricht nochmal durch:

„Aber wir haben uns doch gerade im Park gesehen. Da es in der Zwischenzeit keine Drinks gab, hoffe ich, dass Du Dich an mich erinnerst. Mein Name ist Leon.“

Leon heißt er also. Leon. Und woher wollte er überhaupt wissen, dass es in der Zwischenzeit bei ihr keine Drinks gegeben hatte? Sie musste schmunzeln. Natürlich hatte es das nicht. Aber vielleicht ist sie ja gar nicht die nette Frau, die er kennengelernt zu haben glaubt. Vielleicht ist sie ja eine Obdachlose, die öfter im Park abhängt und morgens einen Schluck Korn in ihren Kaffee kippt um ihr jämmerliches Leben besser verkraften zu können. Das konnte er nicht wissen. Oder stalkte er sie etwa? Nein. Das traute sie ihm wiederum nicht zu. Und ansonsten hätte er ja schon viel früher wieder Kontakt zu ihr aufgenommen und sie nicht zufällig im Park getroffen.

Da musste sie an sein Lächeln denken. Als sie ihn vorhin im Park sah, lächelte er vor sich hin – und das schon bevor er sie sah. Warum? Wusste er etwa doch, dass er sie dort treffen würde? Das war doch mal eine Frage, die sie ihm direkt stellen konnte; auch ohne viel Zeit zwischen den Nachrichten verstreichen zu lassen.

„Leon also. Schön. Freut mich. Ähm, mein Name ist Marie. Aber das weißt Du ja sicher noch.“ Sie machte eine kurze Pause, haute sich die flache Hand vor dem Kopf und löschte die Zeilen wieder.

„Ah, Leon. Schöner Name. Warum warst Du vorhin im Park?“

Super Marie! Da hast Du ja die Nachricht des Jahrtausends formuliert. Schöner Name? Was war bloß mit ihr los? Sie war etwas nervös und wusste nicht recht was sie ihm schreiben sollte. Sie wollte schließlich nichts falsch machen und ihn verschrecken, aber sie wusste auch noch nicht recht, ob sie ihm vertrauen konnte und ihm mehr von sich erzählen sollte. Woher sollte sie wissen, ob er nicht auch so ein verrückter Kerl war wie Max. Vielleicht steckten sie alle unter einer Decke? Aber das konnte sie sich bei Leon nicht vorstellen. Er wirkte auf sie ganz anders. Eher solide und zurückhaltend.

Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, kam auch schon seine Antwort auf ihre Frage.

„Ich spaziere mehrmals die Woche durch den Park. Ich mag es gern dort. Warum warst Du dort?“

Okay, damit hatte er natürlich Recht. Der Park war wunderschön! Das konnte man echt nicht abstreiten. Marie war früher auch öfter dort, hat sich mit Freunden zum Picknick getroffen, saß zum Lesen auf einer Bank oder weinte wie in jener Nacht einer Liebschaft hinterher. Nun gut, das tat sie bisher nur einmal. Denn es war nur Erik, der ihr so sehr das Herz gebrochen hatte.

„Ich wollte das schöne Wetter genießen, nicht die Bahn nehmen und lieber  durch den Park laufen. War schon länger nicht da…“

Sie beschloss, dass er nicht die komplette Wahrheit wissen musste, warum sie nicht da war und wie es ihr ging während sie durch ihn lief. Jedoch durfte er gern erfahren, dass sie sein Lächeln merkwürdig fand. Also schickte sie noch eine SMS hinterher:

„Warum hast Du so gelächelt als Du mir entgegengekommen bist?“

„Na, weil ich immer gehofft habe, Dich dort mal wieder zu treffen und für den Fall, dass ich Dich treffen würde, wollte ich nicht wie ein Häufchen Elend durch die Welt gehen, sondern freundlich und offen wirken. Ist das verwerflich? Fandest Du es merkwürdig?“

„Ich bin ehrlich: es war schon etwas kurios, da wenige Menschen lächelnd durch die Gegend laufen. Die meisten sind eher miesepetrig und schlecht gelaunt.“

„Aber so jemand bin ich nicht. Ich mag diese Menschen auch nicht besonders. Was macht das denn für einen Eindruck auf die Gesellschaft, die einen umgibt? Als wäre man lieber allein auf der Welt und hätte tausend Sorgen. Nein, das kann man denken. Aber man sollte versuchen, einen netten und freundlichen Eindruck zu machen. So zumindest sehe ich das.“

Sie schrieben noch ein bisschen hin und her und teilten einander ihre Position zum Thema Körpersprache/Gestik/Mimik mit. Es war eine nette Unterhaltung und vor allem aufgeschlossen und angenehm. Leon schien ein netter Kerl zu sein, den Marie gern genauer kennenlernen wollte. Doch nicht persönlich. Sie verabredeten sich für den nächsten Abend um wieder miteinander zu schreiben und jeder durfte sich ein Thema aussuchen, über das er am nächsten Tag sprechen wollte.

Vollkommen müde fiel Marie am späten Abend ins Bett und träumte vom Unbekannten Helden.

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