# 11

Ungefähr bei der Hälfte des Films pausierten sie ihn kurz für eine Toilettenpause. Als Leon im Bad verschwand, überlegte Marie in Windeseile wie sie die Situation noch etwas romantischer gestalten könnte und ob sie vielleicht ihre Strickjacke ausziehen sollte. Diese Überlegung war sehr schnell abgeschlossen, sie zog die Strickjacke aus und lies den Träger ihres BH’s ein wenig unter dem Oberteil hervorblicken. Natürlich nicht zu sehr, eben nur ein bisschen, sodass Leon ihn sah. Sie holte eine kuschelige Wolldecke und kuschelte sich darin ein. Wenn er wiederkommt, würde er sich sofort zu ihr kuscheln und die beiden wären sich noch näher. So war zumindest ihre Vorstellung.

Im Grund war es auch genau so. Leon kam von der Toilette zurück und sah Marie eingekuschelt unter der Decke. Er lächelte sie an und fragte sie höflich, ob er auch mit unter die Decke dürfe. Er durfte. Sie kuschelten sich wieder aneinander und sahen sich den Film weiter an. Marie war in Gedanken ganz woanders. Sie konnte sich absolut nicht auf den Film konzentrieren. Nun, sie kannte den Film auch schon auswendig, da es einer ihrer Lieblingsfilme war. Also kein Problem, wenn sie nicht zuhörte, denn jegliche Fragen die Leon im Nachhinein stellen könnte, könnte sie im Schlaf beantorten.

Aber über was dachte sie nach? Über Leon. Über sich selbst. Über Leon und sich selbst. Was dachte er wohl gerade? Die Fragen wollten einfach nicht aus ihrem Kopf verschwinden und sie waren immer wieder dieselben. Sie genoss es, ihm so nah zu sein. Jedoch hatte sie Angst, dass sie ihre 3-Dates-Regel so womöglich schneller brechen würde, als ihr recht war. Immerhin war dies das erste richtige Date und da wollte sie maximal kuscheln und ihn küssen. Vermutlich war es schon etwas verrückt, dass sie sich im Vorfeld bereits Gedanken über diese Einzelheiten gemacht hatte. Aber man muss sich doch immer bestimmte Gedanken machen oder? Nun war sie unsicher. War es überhaupt wichtig, dass die von ihr selbst aufgestellte Regel eingehalten wird? Nach kurzem Überlegen kam sie zu dem Entschluss: ja. Es war ihr super wichtig und sie wollte es einfach nicht zu schnell angehen. Immerhin mochte sie ihn wirklich gern und hatte ihn auf eine so außergewöhnliche Art und Weise kennengelernt, dass sie „ihre Geschichte“ nicht einfach in etwas banalem wie einem One-Night-Stand enden lassen wollte. Falls es denn einer werden würde.

Wieder kamen die Fragen in ihr auf. Wieder schaute sie unauffällig zu Leon hinüber. Er bemerkte ihren Blick, lächelte und sah wieder zum Fernseher. Scheinbar hatte er den Film noch nicht gesehen, denn er war ganz angetan und passte gut auf. Marie hatte zunächst die Befürchtung, dass er den Film nur ihr zuliebe guckt und ihn eigentlich zu schnulzig findet. Aber nun scheint er mehr Interesse an dem Film als an ihr zu haben. Was für ihren Denkprozess praktisch war. Aber der Film war ja auch irgendwann am Ende angekommen …

Die beiden drehten sich in ihrer Umarmung etwas näher zusammen, sodass sie einander nun in den Armen lagen und sich ansahen. Beide lächelten und Leons Augen strahlten seine komplette Glückseeligkeit aus. Er war glücklich. Das war ihm eindeutig anzusehen. Marie war durcheinander und wusste nicht wie sie damit umgehen sollte. Also? Küsste sie ihn. Sie legte ihm ihre Hand auf die Wange und streichelte sie. Dabei zog sie ihn ein wenig an sich heran und küsste ihn sanft auf die Lippen. Er erwiderte den Kuss und die beiden Münder verschmolzen zu einer in Liebe getauchten Einheit. Es war ein wahnsinnig romantischer und sehr inniger Moment, der mindestens 3 Minuten andauerte.

Dann allerdings löste Marie sich aus Leons Umarmung und wich ein Stück mit dem Kopf zurück. Ganz perplex sah er sie an. Was geschah hier? Hatte er etwas falsch gemacht? Gefiel es ihr nicht, wie er sie küsste?

#10

Ob sie sich über Blumen freuen würde? Oder ist das zu abgedroschen? Lieber Pralinen? Nachher hat sie eine Laktose-Intoleranz oder ist auf Diät, dann ist das auch nicht das richtige Mitbringsel. Aber was könnte ihr denn noch gefallen?

Leon musste den ganzen Nachmittag darüber nachdenken, was er Marie wohl zu ihrem ersten Date heute Abend mitbringen könnte. Er wollte auf keinen Fall mit leeren Händen kommen. Wobei das ja eh ausgeschlossen war, weil er ja noch alle Zutaten für das Abendessen einkaufen und mitbringen wollte. Zum Glück hatte er heute noch frei und konnte somit in Ruhe alles organisieren. Ein bisschen aufgeregt war er schon, als er sein Hemd anzog. Er betrachtete sich im Spiegel und war nicht hundertprozentig von seinem Outfit überzeugt. Eigentlich wollte er etwas recht Schlichtes anziehen. Doch es war schließlich ein Date mit einer bezaubernden Frau. Da will Mann ja auch was hermachen. Schlussendlich entschied er sich also für eine Jeans, Turnschuhe und ein schlichtes dunkelblaues Hemd. Es sah anständig und doch sportlich aus. Was Marie wohl anhaben würde? Selbstverständlich stellte er sich diese Frage.

Und auch die Frage, wie der Abend wohl verlaufen würde, beschäftigte ihn. Denn was passiert nach dem Essen? Sollte er sicherheitshalber einen Film mitbringen? Nicht, dass der Abend direkt nach dem Essen beendet ist. Das wollte er auf keinen Fall. Man kann zwar nicht alles planen, aber ein bisschen nachhelfen wird wohl erlaubt sein. Also suchte er 3 Filme raus. Eine Schnulze, einen Actionfilm und etwas Lustiges. Da wird hoffentlich etwas für Maries Geschmack dabei sein. Er meint sich zu erinnern, dass sie damals im Park sagte, dass sie gern romantische Filme mit Happy End ansieht. Eine typische Frau halt. Das war nicht seine Art von liebstem Film, aber er wollte in erster Linie, dass sie glücklich ist und einen schönen Abend hat. Wenn sie diesen hat, dann hat er ihn auch.

Bevor er die Wohnung verließ, kam in ihm die Frage auf, ob er wohl ein Kondom mitnehmen sollte. Nicht, dass er es darauf anlegen würde, davon Gebrauch zu machen, aber es könnte ja durchaus passieren. Und dann ist es besser, wenn man eins hat. Wenn sie keins hat, dann ist es eine merkwürdige Situation. Allerdings könnte es auch merkwürdig sein, wenn sie irgendwie mitbekommt, dass er eins dabei hat. Vermutlich geht sie dann automatisch davon aus, dass er es vorher geplant hat. Das würde einen falschen Eindruck erwecken. Wobei Leon natürlich nicht abstreiten konnte, dass er Marie sehr attraktiv fand. Und bei ihrem Kuss da knisterte es ordentlich zwischen den beiden. Noch einige Stunden musste er darüber nachdenken und dann doch mit sich selbst Vorlieb nehmen. Er nahm das Kondom mit. Sicher ist sicher.

Als er nun vor Maries Tür stand, zitterten ihm schon ein wenig die Knie. Er war ziemtlich aufgeregt und hoffte, dass sie sich über die Blumen freuen würde. Ja. Für Blumen hatte er sich entschieden. Rosafarbene Rosen. Sie mochte rosa und Blumen. Und rote Rosen hätten vielleicht ein bisschen zu viel ausgesagt.

Marie machte ihm die Tür auf und nahm ihm zuerst den Einkauf ab und brachte ihn in die Küche. Dann übergab Leon ihr die Blumen und sie freute sich wahnsinng darüber. Zu seinem Glück liebte sie nämlich auch Rosen. Punktlandung also gewissermaßen.

Die beiden umarmten sich und setzten sich erst einmal einen Moment zum Quatschen in die Stube. Doch nur kurz, denn beide hatten einen mordsmäßigen Kohldampf und wollte schnell mit dem Kochen beginnen. Sie teilten die Arbeitsschritte auf, sodass einer schnibbelte und der andere sich schon mal um das Fleischanbraten kümmerte.

Sie hatten viel Spaß miteinander und lachten oft und viel beim Kochen. Ab und zu schauten sie sich etwas verliebt an. Waren sie etwa verliebt?

Marie machte sich Gedanken darüber, was er wohl dachte, wenn er sie so ansah. Sah er sein heutiges Date? Seine Errungenschaft für die Nacht? Eine Geliebte? Eine einfache Freundin? Oder vielleicht wirklich jemanden, mit dem er sich mehr vorstellen könnte? Warum machte sie sich überhaupt Gedanken darüber? Im Grunde war es egal, was er in ihr sah, denn in erste Linie wollten die beiden einen schönen Abend miteinander verbringen und das taten sie – egal wie die Gefühle dazu standen.

Als Nachtisch gab es ein leckeres Mousse au Chocolat auf Himbeerspiegel. Pappsatt wanderten die beiden nach dem Essen in Richtung Wohnzimmer und ließen sich auf Maries Sofa plumpsen. Die Filmauswahl hatte Leon zu Beginn schon auf den Tisch gelegt und Marie hatte sich gleich einen ausgesucht. Wie zu erwarten, hatte sie sich für die Schnulze entschieden. Was ok war, denn bei einer Schnulze hatte Leon vielleicht die größte Chance auf ein wenig Zärtlichkeit. Dadurch, dass beide zu viel gegessen hatten und sich kaum bewegen konnten, geschweigedenn wollten, blieben sie eine Weile genau so sitzen, wie sie nach ihrem Plumps gelandet waren. Etwas voneinander entfernt. Aber Leon wusste was zu tun war. Er war direkt und fragt, ob sie sich vielleicht gern in seinen Arm kuscheln wollte.

Natürlich wollte sie. Und sie war ganz verzaubert von ihm und seiner charmanten und doch sehr direkten Art. Das mochte sie gern an ihm. Er versuchte nicht langsam immer dichter zu rücken um ihr dann den Arm um die Schulter zu legen. Nein, er fragte sie einfach, ob sie das wollte und dann tat er es. Wie ein richtiger Mann. Das gefiel Marie. Seine Oberarme waren stark und er roch sehr gut. Sie kuschelte sich ganz tief in seinen Arm und sie genossen den Liebesfilm bei einem Glas Wein…

# 8

Sie ließ sich auf’s Bett fallen und konnte einfach nur lächeln vor Freude. Ihre Augen funkelten und sie strahlte über das gesamte Gesicht. Sie war verliebt. Verliebt in Leon. Scheinbar hat er sie durch den Kuss verzaubert und nun konnte sie nur noch an ihn denken. Es fiel ihr in dieser Nacht sehr schwer einzuschlafen, denn in ihrem Kopf wiederholte sich immer und immer wieder die Kussszene vor dem Haus.

Es gibt verschiedene Gründe weswegen man nicht einschlafen kann. Wenn man nicht müde ist, man aber weiß, dass man dringend schlafen muss, weil man am nächsten Tag wichtige Termine hat, für die man fit und frisch sein muss, dann ist man zerknirscht. Man dreht und wendet sich im Bett und hofft, dass man endlich Ruhe findet. Aber je mehr man zu schlafen versucht, desto mehr denkt man nach und desto mehr geht einem durch den Kopf. Besonders schlimm ist das, wenn Wut oder Trauer der Auslöser für die Schlaflosigkeit sind. Verliebtsein ist zudem auch noch für die Schmetterlinge im Bauch eine Gefahr. 🙂  Sie fliegen die ganze Nacht wie wild im Bauch umher und ihnen wird bald schwindelig. Man malt sich diverse Situationen aus. „Wie hätte es laufen können, wenn …“, „Wenn wir uns wiedersehen, dann …“ und so weiter. Auch das bereits Erlebte geht einem nochmals durch den Kopf und man genießt es gedanklich noch mehrere Male. So war es in der vergangenen Nacht auch für Marie. Sie musste immer wieder an den Kuss denken und plante bereits das nächste Treffen und dass sie dann etwas offensiver sein würde und ihm damit quasi zuvorkommen würde.

Mitten in der Nacht schlief sie endlich ein. Es waren nur knapp 4 stunden Schlaf, die sie bekommen hatte. Aber dennoch war sie recht fit. Vermutlich die Endorphine. Glückshormone machen das Leben so viel schöner und blumiger. Naja, zumindest teilweise. Denn den Wochenbeginn aufhalten konnte selbst die Hormone nicht. Sie konnten sie nur etwas erträglicher machen. Und was das anging, machten sie einen guten Job. Marie war gut gelaunt im Reisebüro angekommen und freute sich auf den Montag. Mit Sarah plauschte sie wie ein Wasserfall und berichtete ihr natürlich vom gestrigen Abend. Auch Sarah fand es aufregend, dass sich Leon und Marie dichter gekommen sind und einander geküsst haben. Und das, obwohl sie nicht mal wirklich ein erstes Date hatten. Sie kannten sich zwar schon von dieser merkwürdigen Nacht im Park. Aber davon wusste Marie ja nichts mehr und somit zählte es nicht. Und das gestrige Treffen war in Sarahs Augen nicht anständig genug für ein erstes Date. Sie hatte eine genaue Vorstellung vom Leben und von den Dingen die darin geschahen. Bei einem ersten Date lädt der Mann die Frau zum Essen ein. Gibt es kein Essen, ist es kein erstes Date, sondern allenfalls ein Treffen zwischen Bekannten. Marie war schleierhaft, was der Unterschied sein sollte, aber gut. Sie akzeptierte Sarahs Einstellung. Immerhin war es ihre beste Freundin und die hatte sie schließlich auch mit ihren Macken lieb.

Sie konnte aber generell dieses Verlangen nach einem bestimmten „Status“ oder einer bestimmten Bezeichnung nicht verstehen. Warum musste man es „erstes Date“ nennen? Warum überhaupt „Date“? Und was gab es für einen Unterschied zwischen Bekannten die sich treffen und vielleicht ein Paar werden und Unbekannten, die ein Date haben und vielleicht ein Paar werden? Die schlimmste Situation ist in Maries Augen die, in der es bereits einige Dates gab und sich beide nicht sicher sind, ob sie jetzt „zusammen“ sind oder nicht. Nun ja, an diesem Punkt waren sie ja noch lange nicht angelangt.

Am Abend musste Marie noch ein paar Einkäufe erledigen. Unter anderem brauchte sie etwas Bastelmaterial, denn ihre Chefin hatte in wenigen Tagen Geburtstag. Sarah und sie hatten geplant, etwas Kleines für die Chefin zu basteln. Da sie gerne las, bekam sie einen Gutschein aus einer Buchhandlung, sowie einige selbstgebastelte Lesezeichen. So etwas konnte Marie gut und sie tobte sich gern mit diesen kreativen Dingen aus.

Erst als sie fertig mit der Gestaltung der Lesezeichen war, zog sie sich ihre gemütliche Hose und ein Schlafshirt an, kuschelte sich auf’s Sofa und machte sich noch eine Folge ihrer aktuellen Lieblingsserie an. Ihr Handy hatte sie bei der ganzen Bastelei ganz vergessen. Es war immer noch in ihrer Handtasche und war auf lautlos. Sie wunderte sich vorher einige Male, warum sie keine Nachrichten bekam. Insgeheim hoffte sie nämlich immer, dass die Nachrichten von ihm ausgehen würden. Sie hoffte, dass er zuerst an sie dachte und ihr schrieb. Frauenlogik. Hat wohl auch was mit den Hormonen zu tun. Er war in ihren Augen ein braves Kerlchen, denn er hatte tatsächlich zuerst geschrieben.

„Du bist so wunderschön, oh Mein,
ich möchte für immer sein der Dein.
An Deiner Seite möchte ich für immer steh’n
und keinen Schritt mehr ohne Dich geh’n“

Es war ein Vers eines Gedichts. Aber Marie war sich nicht sicher wie sie diesen Vers finden sollte. Er war sehr schnulzig und süß, ja. Aber er klang, als wäre er aus dem Internet abgeschrieben und nicht selbstausgedacht. zudem klang er so als würde ein Mann seiner Frau einen Antrag machen wollen. Das machte Marie etwas stutzig. Gerade wollte sie lostippen und ihn fragen, was es damit auf sich hatte, als bereits eine zweite Nachricht von ihm kam.

„Ich würde jetzt gern schreiben, dass die Nachricht gerade nicht an Dich gehen sollte. Doch dann wärst Du verwirrt und vermutlich würdest Du es falsch verstehen und wärst sauer auf mich. Aber für Dich ist sie viel zu schnulzig und außerdem habe ich das aus dem Internet abgeschrieben und mir nicht selbst ausgedacht. So etwas hättest Du verdient und kein Stück weniger. Die Nachricht sollte an meinen Kumpel gehen.“

Marie war nach dieser Nachricht noch viel verwirrter und schrieb nur etwas kurz angebunden zurück:

„Ach, so etwas schreibst Du Deinen Kumpels? Interessant. Ich wünsche Dir eine gute Nacht, lieber Leon.“

Leon wusste nicht, ob er heute noch etwas zurükschreiben sollte. Er vermutete, dass sie sauer auf ihn war, weil sie ihm nicht glaubte. Er wollte aber heute Abend auch keine Diskussion mit ihr führen. Daher wartete er bis zum nächsten Tag ab…