Smalltalk – und warum er mich anwidert.

Niemand will wissen wie es Dir geht. Und niemand will wissen was Du wirklich denkst und fühlst. Also behalte es bitte für Dich und belüge Dich und die Menschen um Dich herum.

Tja, es hört sich hart und weit hergeholt an. Aber das ist es keinesfalls. Hart schon. Zumindest für diejenigen – wie mich -, die sich damit genauer befassen und gewisse Handlungen für sich bewerten und analysieren. Mir wird oft gesagt, ich denke zu viel. Mache ich in der Tat. Aber ich denke mir ja nichts aus und ich bin auch nicht unrealistisch in meinen Gedanken. Meist zu optimistisch und immer viel zu hoffnungsvoll, aber trotzdem realitätsnah. Ich möchte Euch gern ein wenig mit in meine Gedankenwelt zum Thema „Smalltalk“ nehmen…

Folgende Situation gab es neulich:
Ich laufe über den Flur und bemerke einen Kollegen vor mir, den ich recht selten sehe. Ich: „Na junger Mann.“
Er: „Ach Alex, wie geht es Dir?“
Ich: „Naja, muss ja. Und Dir?
Er: „Immer nur halb so gut wie Dir.“
Wir grinsen uns an, er geht in sein Büro und ich gehe zu meinem.

Was das Problem war? Nunja, hier hat es niemanden interessiert, wie es dem anderen geht. Es wurde gefragt, ja. Aber wissen wollte es eigentlich keiner von dem anderen. Und leider erlebe ich das nicht nur einmal im Monat, in der Woche oder am Tag, sondern ständig. Manche Menschen habe ich es schon wissen lassen, wie fürchterlich ich Smalltalk finde und dass ich das nicht brauche. Natürlich auf die freundliche Art 🙂 Ganz Sekretärin. Aber mal ganz im Ernst: Warum verschwenden wir so viel Zeit unseres Lebens mit diesem überflüssigen Smalltalk? Wenn mich ein Kollege anruft und mir eine Aufgabe per Telefon geben will, warum fragt er mich dann erst noch ewig aus wie es mir geht? Wenn ich ihm dann nämlich antworte, dass es mir gerade nicht so gut geht, dann kommen Antworten wie „das ist ja doof, Du ich habe hier folgende Aufgabe“ oder so. Geil war auch einmal „Du hast so eine tolle Telefonstimme, das ist mir neulich schon aufgefallen. Demnächst müssten mal Leute angerufen werden, würdest Du das netterweise übernehmen? Mit Dir möchten die Leute sicher lieber telefonieren als mit mir“. Ich weiß leider genau, dass es nicht um meine Stimme ging, sondern darum, dass er diese Aufgabe gern verteilen wollte.

Hier muss ich leider sagen: mit mir kann man Klartext sprechen. Wenn man etwas von mir erledigt haben möchte, dann muss man mir das nur sagen und ich mache es (meistens). Man muss mir keine nicht ernst gemeinten Komplimente machen, mich nicht fragen wie es mir geht (wenn es einen nicht interessiert) und mich nicht vollsabbeln – einfach fragen und gut. Natürlich gehört es zu unserer Gesellschaft, dass man leichte Konversation betreibt. Wenn man sich im Fahrstuhl trifft, dann wird immer über das Wetter gesprochen. Ist ja auch ok. Für mich persönlich auch schrecklich weil es im Grunde niemanden interessiert, aber es ist ok.

Was für mich leider noch erschrechend hinzukommt, ist, dass man nicht nur mit Fremden oder Kollegen Smalltalk betreibt, sondern auch teilweise mit der Familie oder mit Bekannten/Freunden. Man schreibt sich ab und zu und fragt wie es dem jeweils anderen geht. Man fühlt sich dazu gezwungen dem anderen zum Geburtstag zu gratulieren und man denkt ab und zu „oh, wir müssten uns mal wieder treffen“. Aber will man das auch? Hätte man sich nicht schon längst getroffen, wenn man es wirklich gewollt hätte? Hm. Kann man so oder so drüber denken. Mich stört daran aber besonders, dass man im Zeitalter von Whatsapp und Co. so viel redet und schreibt, aber so wenig damit sagt. Jeder schreibt mit jedem und jeder ist mit jedem bei Facebook befreundet. Aber wem würde man von seinem Liebeskummer erzählen? Wen würde das interessieren und wer würde einem Tipps und Ratschläge geben? Das kann nur jemand, der Dich nicht fragt wie es Dir geht, denn dieser jemand weiß wie es Dir geht. Und er weiß es teilweise besser als Du selbst. An dieser Stelle möchte ich ein kleines Herz an zwei besondere Personen senden <3.

Ich habe seit einer Weile ein kleines Experiment laufen. Wenn mich bestimmte Leute fragen wie es mir geht, dann antworte ich ehrlich. Und wenn ich an dem Tag sagen muss, dass es mir scheiße geht, dann sage ich das auch. Ich will die Reaktionen von den Leuten sehen und will wissen, wer sich wirklich dafür interessiert warum es mir an diesem Tag scheiße geht. Je nach Reaktion weiß man dann für sich selbst auch, wie viel man von sich zukünftig preisgibt und wie man mit den Leuten umzugehen hat. Der Kollege, den ich am Anfang nannte, gibt immer solche Antworten wenn man ihn fragt wie es ihm geht. Mittlerweile gebe ich immer bestimmte Antworten zurück, weil ich weiß, dass ich mich in dem Moment wieder in einem Spiel befinde. Oder mit anderen Worten: in einem Film.

So oft komme ich mir vor, als wäre ich Schauspielerin und mein Leben wäre ein Blockbuster. Wenn ich alt bin, dann möchte ich gern mal eine Biografie schreiben und so wie ich die Sache sehe, ist in meinem Leben schon genug passiert, dass ich genügend Stoff für einen Blockbuster beisammen hätte. Aber muss es denn sein? Muss man immer nur Dinge vorspielen? Gefühle vorspielen? Gute Laune vorspielen?

Abschließend möchte ich Euch gern einen Spruch mit auf den Weg geben der in meinem Büro in Form einer Postkarte hängt:

„Ich will gar nicht perfekt sein, dann mögen mich nur die falschen Leute.“

Geht’s Dir noch gut?

Diese Frage kann man so oder so verstehen. Mir sympathische Menschen wissen aber wie sie diese Frage zu verstehen haben und müssen nicht nachdenken. Für alle anderen folgt hier die Erklärung: Nein, es geht nicht um die Frage, ob es Dir gut geht und alles tippitoppi bei Dir ist, sondern es geht um die Frage, ob Du verdammt nochmal nicht mehr alle Latten am Zaun hast.

Ok. Wir kommen wieder zur Besinnung und weiter geht’s.

Einleitend muss ich sagen, dass ich im Büro arbeite und meinen Job als Sekretärin sehr liebe. Auch die Firma „liebe“ ich und meine Kollegen mag ich eigentlich alle gern. Manche halt mehr und manche weniger. Aber das ist ja normal. Es ist so, dass ich als Sekretärin ja quasi das Gesicht und zugleich der Arsch der Abteilung bin. In meinem Falls sogar mehrerer Abteilungen. Ist ja auch völlig in Ordnung. Das eine mehr das andere weniger. Auch das ist normal.

Ich muss nun also immer freundlich ans Telefon gehen, muss nett zu den Kollegen sein, muss meiner Aufgabe als Ausbilderin gerecht werden und bin von Natur aus jemand, der immer für gute Laune und eine angenehme Stimmung sorgt. Die Menschen kennen mich als die liebe und nette Alex, die immer gutgelaunt und optimistisch ist. Doch was ist nun, wenn Alex mal schlechte Laune hat? Was ist, wenn sie schlecht geschlafen hat, sie Kopfschmerzen oder Liebeskummer hat?

Jaaaaaa. Ich war mir nicht im Klaren darüber, dass ich mich dafür rechtfertigen muss, schlechte Laune zu haben. Oder dass ich es den anderen gegenüber verbergen muss. Klar, im Job muss man immer professionell bleiben und ich bin was das angeht auch recht geübt. Ich habe immer ein Lächeln im Gesicht wenn jemand mit mir spricht und bin am Telefon eh immer viel zu freundlich.

Aber wenn ich alle Stunde darauf angesprochen werde, dass ich ja heute besonders schlechte Laune habe und die Menschen dann recht schnell mein Büro wieder verlassen, da stelle ich mir die Frage, ob ich irgendetwas verpasst habe. Ob die wissen, dass in 98 % der Zeit sie diejenigen mit schlechter Laune sind, weil ein Termin nicht passt, weil der Chef Druck macht, weil sie n Furz quer sitzen haben und und und? Und wer ist immer mit einem netten und unterstützenden Wort zur Seite? Genau, ich. Die liebe Alex.

Nur wenige Menschen kennen mich ohne die Fassade „Liebe Alex“. Wie oft kriege ich die Frage gestellt: „Wie geht’s Dir?“. Das ist die Smalltalk-Frage Nummer 1. Dicht gefolgt von einem „Das Wetter ist ja wieder …“. Ich hasse Smalltalk. Nur, damit es kurz mal jeder weiß. Diese Art von Smalltalk finde ich überflüssiger als Kaugummi am Schuh. Denn daraus lernt man wenigstens, dass man beim nächsten Spaziergang die Augen offen halten sollte 😉 Nun denn, wieder zurück zur Frage nach meinem Befinden. Ich habe in meinem Leben fast immer mit „gut“ geantwortet, auch wenn es nicht so war. Und warum? Wenn es das ist was die Menschen hören wollen, bzw. sie wollen gar nicht wirklich eine Antwort auf diese Frage haben, denn die Frage war ja schon nicht ernst gemeint, sondern nur Smalltalk um in ein Gespräch reinzukommen oder wegen Knigge. Knigge ist eh so ne Sache für sich. Anderes Thema. Artet aus.

Seit einer Weile jedenfalls antworte ich ehrlich auf die Frage, ob es mir gut geht und die Menschen sind jedes Mal wieder geschockt, wenn ich ihnen sage, dass es mir nicht gut geht. Als sagte ich „Ich habe Aids“.

Heute war so ein Tag.

Gleich ist er vorbei. Dieser Beitrag auch. Jetzt.